Die Zeit vor 1907
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg wird 1871 Berlin die Residenz des Deutschen
Kaisers und
Reichshauptstadt, die Einwohnerzahl übersteigt 800.000. Der einsetzende Aufschwung durch das Geld aus den französischen Reparationen (5 Mrd. Goldfranken)
wurde genutzt, um den Vorsprung der anderen europäischen Nationen auf dem Gebiet der Industrialisierung aufzuholen. Immer mehr Menschen kamen nach Berlin,
denn hier gab es Arbeit in Hülle und Fülle. Im Jahr 1900 hat Berlin fast 1,9 Millionen Einwohner; unter Einschluss der 23 Vororte leben insgesamt 2,5 Millionen
Menschen im unmittelbaren Einzugsbereich der Stadt. Laut einer "Wohnungs-Enquête" von 1903 ist Berlin die größte Mietskasernenstadt der Welt: Eine
Million Wohnungen, davon 400.000 mit nur einem Raum und weitere 300.000 mit zwei Räumen. Unter diesen unwürdigen Wohnbedingungen
zieht es die Berliner in Ihrer Freizeit hinaus in die Natur an die schönen Seen - wie auch den Wannsee.

Doch halt - da war ja noch die Moral jener Zeit - prüde bis zum Abwinken. So begann der Badebetrieb vor den Toren der großen Stadt
heimlich, still und leise, um ja die Pickelhauben-Obrigkeit der Jahrhundertwende nicht aufmerksam zu machen. Es galt zu jener Zeit als äußerst unmoralisch,
im Freien zu baden, und vielleicht die Damen und Herren noch auf Sichtweite. Und wer erwischt wurde, musste Strafe zahlen, wie hier auf dem Bild
immerhin 5 Mark. Immer mehr bevölkerten die sonnenhungrigen Berliner in der Badezeit die Ufer des Wannsees. Sie fuhren zwar auch an die
anderen Seen, aber das Ostufer des Großen Wannsee zog Hunderttausende an. Mit seinem ganz allmählich abfallenden Sandboden
gab es einen vorzüglichen Badestrand.
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Bildnachweis:
Berliner Mietskaserne, Photographie Berlin um 1910, DHM, Berlin F 90/492
Bild mit Polizisten, Ullsteinarchiv (keine weiteren Angaben
verfügbar)